Eisbrecher „50 Let Pobedij“, 1. Juli 2008

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July 4, 2008 | 7:09 am

By Wolfgang Blumel

Noch kann ich es kaum fassen, dass wir vor zwei Tagen auf jenem Punkt der Erde standen, von dem aus man nur noch nach Sueden fahren kann. 90 Grad 00 Minuten 00 Sekunden noerdliche Breite – der Nordpol. Erreicht nach nur vier Tagen Fahrt an Bord des russischen Atomeisbrechers „50 Let Pobedij“ (50 Jahre Sieg – gemeint ist selbstverstaendlich der Sieg der Sowjetunion über „Hitlerdeutschland“, wie das im offiziellen Sprachgebrauch immer politisch korrekt artikuliert wird). Dieser weltweit groesste Eisbrecher ist ein wahrer PS-Protz: 75000 PS geben seine Maschinen her und lassen das 169 Meter lange Schiff durch ein bis zwei Meter dickes Meereis („Packeis“) gleiten als sei es aus Pappe. Nun gut, „gleiten“ ist vielleicht etwas untertrieben, denn das Schiff ruckelt heftig wie eine betagte Eisenbahn auf einer frostgeschaedigten sibirischen Nebenstrecke. Auch die Geschwindigkeit ist vergleichbar:
zwoelf Knoten, oder für Landratten: gute 20 Stundenkilometer. Das ist für ein Schiff, das sich durch mannshohes Eis arbeitet, bemerkenswert schnell.

Wie schaut es denn nun aus am Nordpol? Jedenfalls ganz anders als es sich die Gelehrten vergangener Jahrhunderte mangels empirisch gewonnener Informationen in ihren kuehnen Phantasien vorstellten. Kein Loch in der Erdoberflaeche, durch das man in unterirdisch-innerirdische Gegenreiche sagenhafter Hyperboraeer gelangen koennte. Kein Magnetberg, der nahenden Schiffen die rostigen Nägel aus dem Holz zieht (unser armer Eisbrecher, ein wahres Stahlgebirge, waere ein gefundenes Fressen …). Und auch kein offenes Polarmeer, wie sich das so mancher Geograph des 19.
Jahrhunderts noch vorstellte.

Nichts davon, keine Sensationen, sonders ganz normales Packeis, wie von einigen kuehleren Denkern jener Zeit bereits prognostiziert und spaeter von den ersten Menschen, die den Nordpol erreichten, bestaetigt. – Packeis, im Polarnebel schimmerndes Eis von Horizont zu Horizont.
Unendlich viele Nuancen von schneeig-eisigem Weiss, verschmelzend mit dem milchigen Nebel. Eine leicht unregelmaessige Ebene, übersprenkelt von den Eisbrocken der Presseisruecken, die entstehen, wenn Schollen des Eises sich gegeneinander und uebereinander schieben, chaotische Haufen von Eiswuerfeln hinterlassend – Groessenordnung bis zu Kuehlschrankgroeße und mehr.

Selbst für mich, der ich als Lektor für QUARK den vierten Sommer in der Arktis verbringe, ist es das erste Mal, dass ich nach Herzenslust auf Packeis herumspazieren kann, jedenfalls in dem erlaubten Areal zwischen den beiden Sicherheitsoffizieren, die uns mit Gewehren vor eventuell nahenden Eisbaeren schuetzen. Diese Symboltiere der Arktis wuerden wir doch lieber vom sicheren Schiffsdeck aus beobachten. Hoffentlich in den naechsten Tagen.

Das Stichwort, fuer heute zu schliessen, denn ich muss nun zur „Baerenwache“ auf die Bruecke, Ausschau halten mit dem Fernglas nach blass gelben Flecken in der weissen Einoede, die sich als Eisbaeren herausstellen koennen. Wir alle warten voller Ungeduld auf die Durchsage ueber die Bordlautsprecher: „Eisbaer steuerbord voraus!“

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