Eisbrecher „50 Let Pobedij“, 2008-07-10
Auf See.
Um halb acht Uhr morgens haben wir eine geographische Breite von 82 Grad
31 Minuten erreicht. Es ist bedeckt, die Lufttemperatur betraegt drei Grad Celsius (plus). Unser Eisbrecher pfluegt sich mit zwoelf Knoten (22
Stundenkilometer) Geschwindigkeit durch mehr als ein Meter dickes Packeis. Uns trennen noch 450 Nautische Meilen (810 Kilometer) vom Nordpol.
Um elf Uhr beginne ich mit meinem Vortrag ueber Plattentektonik. Gerade als es so richtig schoen kompliziert und abstrakt und schwierig wird, als ich die paedagogische Schluesselstelle erreicht habe, an der ich das wiederholte Umkippen der Orientierung des magnetischen Erdfeldes im Laufe erdgeschichtlicher Zeiten und dessen fossile Aufzeichnung in den Basalten mittelozeanischer Ruecken und die Bedeutung dieser Vorgaenge fuer die Plattentektonik erklaere, Dinge also, die sich einem Laien nicht so ohne Weiteres wie von selbst erschliessen, genau in diesem Augenblick gibt meine Kollegin Kara ueber Lautsprecher das Auftauchen
eines Eisbaeren bekannt. Alles eilt nach draussen und da trottet er
tatsaechlich ueber das Eis, der Eisbaer. Er hat mir die Show geklaut.
Die Vorstellung, man koenne mit Ausfuehrungen ueber fossile inverse Magnetisierungen in Gesteinen des Ozeanbodens gegen eine erste Eisbaerensichtung ankommen, waere mit dem Terminus Groessenwahn ziemlich unzureichend beschrieben. Der Bursche da draussen scheint mit seinem Publikumserfolg aber nicht sehr gluecklich zu sein; er gehoert zu den vorsichtigen Baeren, die dem sich nahenden Schiff nicht trauen und sich lieber zurueckziehen. Nach einer halben Stunde geht es mit dem Thema mittelozeanische Ruecken weiter – wo waren wir stehengeblieben?
Wolfgang Bluemel, Lektor