Eisbrecher „50 Let Pobedij“, 2008-07-15
Franz-Josef-Land, Jackson Island, Cape Mills.
Der Tag beginnt wie geplant, um Viertel vor Neun fliegen wir mit dem Helikopter zu unserem Vormittagsziel, Cape Norway auf Jackson Island.
Die Sonne scheint mit polarer Zurueckhaltung, ein paar Wolken verteilen sich zwanglos ueber den Himmel, nur ueber der Nachbarinsel Payer Island haengt truebselig eine Nebelbank. Optimale Bedingungen also fuer eine Anlandung. Denken wir – zunaechst.
Das Wichtigste, das man lernen muss, wenn man in der Arktis reist, ist, dass es den einen grossen, limitierenden, alles bestimmenden, unerbittlichen Faktor gibt: das Wetter. Und dass dieses arktische Wetter nahezu unvorhersehbar ist und sich in kuerzester Zeit aendern kann.
Dabei ist das sommerliche Wetter eigentlich meistens gut. Selbst jetzt, in meinem vierten Sommer in der Arktis kann ich mich nicht an einen Regentag erinnern. Schnee Ende August, ja, aber in Maszen, denn die Hocharktis ist klimatisch eine Wueste, eine Kaeltewueste. Es ist nicht das nasse Wetter wie in unseren mittleren Breiten, das den Reisenden in der Arktis zu schaffen macht, auch die Kaelte, sondern der allgegenwaertige Nebel, der beruechtigte Polarnebel, der sich vor allem ueber dem Meereis bildet, wo Feuchtigkeit und Kaelte zusammenkommen.
Erreicht man die „Eiskante“, laesst der Nebel in der Regel nicht lange auf sich warten.
Wir sind gerade gelandet und haben unsere Rettungswesten abgelegt; beginnen uns zu wundern, warum der Helikopter nicht zum Rueckflug abhebt, um die die ersten Passagiere vom Schiff zu holen, da heisst es ueber die Funkgeraete: Alle wieder einsteigen. Wir fliegen zurueck zum Schiff. Eine Nebelbank schiebt sich heran. Wir landen auf dem Helikopter-Deck des Eisbrechers, und wenige Minuten spaeter zieht es zu.
In einer solchen Situation kann es passieren, dass die Fluege eingestellt werden muessen, wer dann noch an Land ist, sitzt fuers Erste fest. Das wollen wir natuerlich unbedingt vermeiden.
In den folgenden eineinhalb Stunden koennen wir das Hin- und Herwabern des Nebels beobachten: Payer Island bleibt staendig eingehuellt, ueber Cape Norway bleibt es unbestaendig, aber das Kap linker Hand, Cape Mills, erfreut sich ununterbrochenen Sonnenscheins. Also beschliessen wir gegen Mittag, dort anzulanden. Der Tag ist gerettet.
Cape Mills: Die Hochflaeche eines Plateauberges, Gesteinsschutt aus Basalt, bis auf wenige freie Stellen alles schneebedeckt. Das Kliff zeigt die saeulenfoemige Struktur des Basalts (aus dem Jura, etwa 150 Millionen Jahre alt), auf der Hochflaeche ist deutlich eine Polygonalstruktur im Verwitterungsschutt zu erkennen, Hinweis auf den Dauerfrostuntergrund. Soviel Geologie musste jetzt einfach einmal sein.
Die Landschaft kann man nun je nach Geschmackslage eintoenig oder grandios finden. Aber wer hier reist, und sich nicht ungluecklich in die Arktis verirrt hat, neigt dazu, sich von diesen arktischen „Einoeden“ immer wieder ueberwaeltigen zu lassen. Die strenge, fast abstrakte Komposition aus schwarzen Felsen und Gesteinsflaechen sowie weissem Eis und Schnee haelt das Auge wach und fordert zu staendigem Hinschauen auf, der Blick tastet die Linien ab und gleitet ueber die Flaechen. Man wird dessen nicht muede, aber dann muss man leider wieder in den Helikopter und zurueck aufs Schiff. Schade fuer die Augen, gut fuer den Magen. Der Lunch wartet.
Wolfgang Bluemel, Lektor